Koffein für Ausdauersportler: Dosierung, Timing und was die Studien wirklich zeigen

Koffein ist das am besten belegte leistungssteigernde Supplement — wenn du es richtig einsetzt.
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Kein anderes legales Supplement hat eine breitere und robustere Studienbasis als Koffein. Über 300 kontrollierte Studien, mehrere Metaanalysen, klare Effektgrößen. Und trotzdem machen die meisten Athleten beim Einsatz Fehler: falsche Dosis, falsches Timing, falsche Form — oder verzichten ganz auf einen strategischen Ansatz. Dieser Artikel gibt dir eine evidenzbasierte Roadmap.

Das Wichtigste in Kürze

• Koffein wirkt primär als Adenosin-Antagonist — es blockiert Müdigkeitssignale im Gehirn und reduziert die wahrgenommene Anstrengung (RPE) bei gleicher Leistung.• Optimale Dosierung: 3–6 mg/kg Körpergewicht, 30–60 Minuten vor Belastung; höhere Dosen bringen keinen zusätzlichen Nutzen, aber mehr Nebenwirkungen.• Effektgröße: Metaanalysen zeigen konsistent +2–4 % Leistungsverbesserung in Ausdauerdisziplinen — vergleichbar mit dem Vorteil von ~1 Monat Spezifischem Training.• Entzug (3–7 Tage koffeinfrei) vor dem Wettkampf ist nicht evidenzbasiert notwendig — kann aber individuelle Sensitivität leicht erhöhen.• Koffein-Kaugummi und Koffein-Kapseln werden schneller absorbiert als Kaffee — relevant für Sprintformate und taktisches Nachladen beim Ironman.

Gemini & Claude: Prompt wird in die Zwischenablage kopiert. Einfach in das Chat-Fenster einfügen (⌘V / Strg+V).

Pharmakologie: Wie Koffein wirkt

Adenosin-Antagonismus: Der Kernmechanismus

Adenosin ist ein Neuromodulator, der sich während wacher Aktivität im Gehirn anreichert und zunehmend Müdigkeit signalisiert — indem er an A1- und A2A-Rezeptoren im zentralen Nervensystem bindet. Koffein ist strukturell ähnlich genug, um diese Rezeptoren zu blockieren, ohne selbst Adenosin-Wirkung zu entfalten.[1]

Das Ergebnis: Die wahrgenommene Anstrengung (RPE — Rate of Perceived Exertion) sinkt bei gleicher objektiver Leistung. Athleten können länger auf höherem Niveau arbeiten, bevor das Gehirn die Belastung als unerträglich bewertet.

Weitere Wirkungsmechanismen

  • Erhöhte Katecholamin-Ausschüttung: Koffein stimuliert die Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin, was die Fettmobilisierung und Herzfrequenz steigert.
  • Direkte Muskelwirkung: Koffein erhöht die Calcium-Freisetzung aus dem sarkoplasmatischen Retikulum — möglicherweise relevant für Muskelkontraktilität.[2]
  • Verbesserte kognitive Funktion: Reaktionszeit, Aufmerksamkeit und Entscheidungsgeschwindigkeit verbessern sich — relevant für technische Disziplinen und taktische Rennentscheidungen.

Halbwertszeit und individuelle Variabilität

Die Halbwertszeit (HWZ) von Koffein beträgt beim Durchschnittsmenschen 3–5 Stunden — kann aber je nach genetisch bestimmter CYP1A2-Enzymaktivität zwischen 2 und 10 Stunden variieren.[3] "Langsame Metabolisierer" profitieren möglicherweise weniger von Koffein und zeigen stärkere Nebenwirkungen. Das erklärt, warum manche Athleten nach Koffein schlechter schlafen und schlechtere Leistungen zeigen — nicht Placebo, sondern Pharmakogenetik.

Leistungswirkung: Was Metaanalysen zeigen

Die bisher umfangreichste Analyse stammt von Grgic et al. (2020) — ein Umbrella-Review über 21 Metaanalysen:[4]

  • Ausdauerleistung: +2,2–3,7 % in Time-Trial-Tests
  • Kraftleistung (Muskelausdauer): +3,5 % mehr Wiederholungen
  • Anaerobe Leistung (Sprints): +3,1 %
  • Kognitive Leistung: signifikante Verbesserung in Reaktionszeit und Aufmerksamkeit

Zur Einordnung: Ein Leistungsgewinn von 2–4 % entspricht etwa dem Effekt von 4 Wochen spezifischem Ausdauertraining. Für einen Athleten mit einem Marathonfinish von 3:30 h bedeutet das ca. 4–8 Minuten schneller — ohne Trainingsanpassung.

Optimale Dosierung

Die evidenzbasierte Empfehlung liegt bei 3–6 mg Koffein pro kg Körpergewicht, eingenommen 30–60 Minuten vor Belastungsbeginn.[4]

KörpergewichtDosis (3 mg/kg)Dosis (6 mg/kg) 60 kg180 mg360 mg 70 kg210 mg420 mg 80 kg240 mg480 mg 90 kg270 mg540 mg

Wichtig: Dosen über 6 mg/kg bringen keinen zusätzlichen Leistungsgewinn, erhöhen aber das Risiko für Nebenwirkungen (Übelkeit, Zittern, Tachykardie, Schlafstörungen) überproportional. Beginnt mit 3 mg/kg und testet die individuelle Verträglichkeit.

Timing: Wann einnehmen?

Der Plasmapeak von Koffein wird bei Kapsel und Gel nach 30–60 Minuten erreicht, bei Kaffee nach 45–90 Minuten (abhängig von Mageninhalt).[3] Für einen Wettkampfstart um 7:00 Uhr bedeutet das:

  • Koffein-Kapsel oder Gel: 06:00–06:30 Uhr
  • Kaffee: 05:45–06:15 Uhr (nüchterner Magen beschleunigt Absorption)

Bei sehr frühen Wettkampfstarts (<06:00 Uhr) kann Koffein-Kaugummi sinnvoll sein — buccale Absorption beginnt sofort im Mund, peak plasma nach 15–20 Minuten.

Koffeinformen im Vergleich

Koffein-Kapsel

Günstigste, zuverlässigste Option. Genaue Dosierung, keine Kalorienzufuhr, kein GI-Risiko. Standardempfehlung für Pre-Race-Einnahme.

Koffein-Kaugummi

Schnellste Absorption durch buccale Aufnahme (Mundschleimhaut). In einer RCT von Ryan et al. (2013) zeigte Kaugummi schnelleren Plasmapeak als Kapsel.[5] Sinnvoll für kurze, intensive Formate (Sprint-Triathlon, Crossläufe) oder taktisches Nachladen auf der Laufstrecke beim Ironman.

Energy Gels mit Koffein

Praktisch im Rennen, da KH und Koffein kombiniert. Meist 25–75 mg Koffein pro Gel. Absorption ähnlich wie Kapsel (intestinal). Eingeschränkte Dosierungskontrolle — mehrere Gels können unkontrolliert hohe Koffeindosen ergeben.

Kaffee

Wirksam, aber variabelste Koffeinkonzentration (60–200 mg pro 200 ml, je nach Zubereitung). Chlorogensäuren in Kaffee können GI-Aktivität steigern — vorteilhaft für die Darmregulation vor langen Rennen, aber riskant bei empfindlichem Magen. Im Wettkampf als alleinige Quelle nicht empfohlen.

Koffeintoleranz und Entzug: Muss ich abstinieren?

Die Frage, ob Kaffeepausen vor Wettkämpfen die Koffeinwirkung steigern, ist weniger eindeutig als oft behauptet. Mehrere Studien, darunter Lara et al. (2019), zeigen: Habitueller Koffeinkonsum reduziert zwar die Amplitude der Koffeinwirkung leicht, aber auch Gewohnheitstrinker zeigen signifikante Leistungseffekte auf 3–6 mg/kg.[6]

Fazit zur Abstinenz:

  • 3–7 Tage Entzug vor dem Wettkampf kann die Sensitivität leicht erhöhen
  • Entzugssymptome (Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit) können 24–48 h nach Absetzen auftreten — ungünstig in der Wettkampfwoche
  • Pragmatische Empfehlung: Koffeinzufuhr 4–5 Tage vor dem Wettkampf auf 1 Tasse/Tag reduzieren; voller Entzug nur wenn gut verträglich

Nebenwirkungen und Kontraindikationen

Koffein ist bei gesunden Ausdauersportlern sicher — bei moderater Dosierung. Relevante Nebenwirkungen bei hoher Dosierung (>6 mg/kg) oder individueller Überempfindlichkeit:[7]

  • Übelkeit und GI-Beschwerden (besonders in Kombination mit hochdosiertem KH-Fueling)
  • Zittern, Nervosität, Tachykardie
  • Schlafstörungen — Einnahme nicht später als 6 Stunden vor dem Schlafengehen
  • Erhöhter Blutdruck — relevant bei Hypertonie oder kardiovaskulären Vorerkrankungen

Renntagstrategie über die Ironman-Distanz

Ein strategischer Koffein-Einsatz über 8–12 Stunden Renndauer unterscheidet sich grundlegend von einer Pre-Race-Einzel-Dosis. Folgendes Protokoll basiert auf dem Prinzip der "taktischen Nachdosierung":[8]

Schwimmen (Start)

150–200 mg Koffein (Kapsel) 45 Minuten vor dem Start. Plasmapeak auf dem Rad, wenn die höchste Leistungsanforderung beginnt.

Radstrecke (km 90–120)

25–50 mg Koffein über koffeinhaltiges Gel oder Kaugummi. Verhindert den Koffein-Abfall zur Mitte des Rennens.

Laufstrecke (km 10–20)

50–75 mg Koffein — Timing so gewählt, dass der Peak in den letzten 10–15 km des Marathons liegt, wenn Müdigkeit und Bewegungsmotivation am kritischsten sind.

Gesamtdosis: Ca. 250–350 mg über das Rennen verteilt — entspricht bei 70 kg Körpergewicht ca. 3,5–5 mg/kg. Innerhalb des evidenzbasierten Optimums.

Wichtig: Auch die Koffein-Rennstrategie muss im Training getestet werden — idealerweise bei mindestens einer langen Trainingsausfahrt mit Laufausgang.

Koffein richtig timen im Wettkampf

Nehmt die Hauptdosis (3 mg/kg) 45–60 Minuten vor dem Start ein — als Kapsel für präzise Dosierung. Beim Ironman plant ihr eine zweite kleine Dosis (25–50 mg) auf dem Rad und eine dritte auf der Laufstrecke. So bleibt der Plasmaspiegel konstant hoch, statt nach 2–3 Stunden abzufallen. Testet dieses Schema zwingend vorab in langen Trainingseinheiten.

Höhere Dosen = kein Vorteil

Viele Athleten glauben, mehr Koffein bedeute mehr Leistung. Ab 6 mg/kg flacht die Dosis-Wirkungs-Kurve ab — der Leistungsgewinn stagniert, während Übelkeit, Zittern und kardiovaskuläre Nebenwirkungen überproportional zunehmen. Mehr als 400–500 mg in einer Dosis ist für die meisten Athleten kontraproduktiv und kann den Wettkampf ruinieren.

Adenosin: Der molekulare Müdigkeitsmarker

Adenosin ist ein Neuromodulator, der sich im Wachzustand kontinuierlich im Gehirn anreichert und zunehmend Müdigkeit signalisiert — ein evolutionärer Schutzmechanismus vor Überlastung. Koffein ist strukturell ähnlich genug, um Adenosin-Rezeptoren zu blockieren, ohne selbst deren Wirkung auszulösen. Das Resultat: Das Gehirn 'fühlt' die Müdigkeit weniger — die objektive Ermüdung läuft dennoch weiter.

Simon Wendlandt

Simon ist Sportwissenschaftler, zertifizierter Sporternährungsberater und Profi-Triathlet. Er startet für das Team Berlin unter anderem in der 1. Triathlon-Bundesliga und ist neben seinen Einsätzen im Team auch als Profi auf internationalen 70.3-Distanzen unterwegs. Mit seiner Kombination aus wissenschaftlichem Fachwissen, praktischer Erfahrung und Leidenschaft für den Ausdauersport unterstützt er Athlet:innen dabei, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.

Quellen

Fredholm, B. B., et al. (2021). Actions of caffeine in the brain with special reference to factors that contribute to its widespread use. Pharmacological Reviews, 51(1), 83–133.Tallis, J., et al. (2016). The effect of physiological concentrations of caffeine on the power output of maximally and submaximally stimulated mouse EDL (fast) and soleus (slow) muscle. Journal of Applied Physiology, 112(1), 64–71.Arnaud, M. J. (2011). Pharmacokinetics and metabolism of natural methylxanthines in animal and man. Handbook of Experimental Pharmacology, 200, 33–91.Grgic, J., et al. (2020). Wake up and smell the coffee: Caffeine supplementation and exercise performance — an umbrella review of 21 published meta-analyses. British Journal of Sports Medicine, 54(11), 681–688.Ryan, E. J., et al. (2013). Caffeine gum and cycling performance: A timing study. Journal of Strength and Conditioning Research, 27(1), 259–264.Lara, B., et al. (2019). Caffeine use in sports: Pharmacokinetics in humans and animals. Frontiers in Physiology, 10, 1672.Wikoff, D., et al. (2017). Systematic review of the potential adverse effects of caffeine consumption in healthy adults, pregnant women, adolescents, and children. Food and Chemical Toxicology, 109, 585–648.Jeukendrup, A. E., & Randell, R. (2011). Fat burners: Nutrition supplements that increase fat metabolism. Obesity Reviews, 12(10), 841–851.Spriet, L. L. (2014). Exercise and sport performance with low doses of caffeine. Sports Medicine, 44(S2), 175–184.Southward, K., et al. (2018). The effect of habitual caffeine use on the ergogenic effect of caffeine in athletes. PLOS ONE, 13(8), e0202583.

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"Wir haben Enduure gegründet, um Ausdauersportler:Innen mit wissenschaftlichem Training, smarter Analyse und einer starken Community zu unterstützen. Gemeinsam wachsen, Höchstleistungen erreichen und den Sport neu definieren – das ist unsere Mission." - Simon & Philip

Simon

Simon ist Triathlonprofi und startet in der Bundesliga für das Team Berlin. Außerdem ist er Sportwissenschaftler und zertifizierter Berater für Sporternährung.

Philip

Philip ist Arzt, DOSB C-Trainer im Triathlon und startet selbst als ambitionierter Amateur auf verschiedenen Distanzen im Triathlon.

Zwei junge Männer in Sportbekleidung laufen auf einer Straße vor einer grünen Hecke, einer trägt ein weißes Shirt und blaue Shorts, der andere ein schwarzes Outfit.

Koffein für Ausdauersportler: Dosierung, Timing und was die Studien wirklich zeigen

Koffein ist das am besten belegte leistungssteigernde Supplement &mdash; wenn du es richtig einsetzt.
Aktualisiert am
18.5.2026
2026-05-18 11:18 pm
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Kein anderes legales Supplement hat eine breitere und robustere Studienbasis als Koffein. Über 300 kontrollierte Studien, mehrere Metaanalysen, klare Effektgrößen. Und trotzdem machen die meisten Athleten beim Einsatz Fehler: falsche Dosis, falsches Timing, falsche Form — oder verzichten ganz auf einen strategischen Ansatz. Dieser Artikel gibt dir eine evidenzbasierte Roadmap.

Das Wichtigste in Kürze

• Koffein wirkt primär als Adenosin-Antagonist — es blockiert Müdigkeitssignale im Gehirn und reduziert die wahrgenommene Anstrengung (RPE) bei gleicher Leistung.• Optimale Dosierung: 3–6 mg/kg Körpergewicht, 30–60 Minuten vor Belastung; höhere Dosen bringen keinen zusätzlichen Nutzen, aber mehr Nebenwirkungen.• Effektgröße: Metaanalysen zeigen konsistent +2–4 % Leistungsverbesserung in Ausdauerdisziplinen — vergleichbar mit dem Vorteil von ~1 Monat Spezifischem Training.• Entzug (3–7 Tage koffeinfrei) vor dem Wettkampf ist nicht evidenzbasiert notwendig — kann aber individuelle Sensitivität leicht erhöhen.• Koffein-Kaugummi und Koffein-Kapseln werden schneller absorbiert als Kaffee — relevant für Sprintformate und taktisches Nachladen beim Ironman.

Pharmakologie: Wie Koffein wirkt

Adenosin-Antagonismus: Der Kernmechanismus

Adenosin ist ein Neuromodulator, der sich während wacher Aktivität im Gehirn anreichert und zunehmend Müdigkeit signalisiert — indem er an A1- und A2A-Rezeptoren im zentralen Nervensystem bindet. Koffein ist strukturell ähnlich genug, um diese Rezeptoren zu blockieren, ohne selbst Adenosin-Wirkung zu entfalten.[1]

Das Ergebnis: Die wahrgenommene Anstrengung (RPE — Rate of Perceived Exertion) sinkt bei gleicher objektiver Leistung. Athleten können länger auf höherem Niveau arbeiten, bevor das Gehirn die Belastung als unerträglich bewertet.

Weitere Wirkungsmechanismen

  • Erhöhte Katecholamin-Ausschüttung: Koffein stimuliert die Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin, was die Fettmobilisierung und Herzfrequenz steigert.
  • Direkte Muskelwirkung: Koffein erhöht die Calcium-Freisetzung aus dem sarkoplasmatischen Retikulum — möglicherweise relevant für Muskelkontraktilität.[2]
  • Verbesserte kognitive Funktion: Reaktionszeit, Aufmerksamkeit und Entscheidungsgeschwindigkeit verbessern sich — relevant für technische Disziplinen und taktische Rennentscheidungen.

Halbwertszeit und individuelle Variabilität

Die Halbwertszeit (HWZ) von Koffein beträgt beim Durchschnittsmenschen 3–5 Stunden — kann aber je nach genetisch bestimmter CYP1A2-Enzymaktivität zwischen 2 und 10 Stunden variieren.[3] "Langsame Metabolisierer" profitieren möglicherweise weniger von Koffein und zeigen stärkere Nebenwirkungen. Das erklärt, warum manche Athleten nach Koffein schlechter schlafen und schlechtere Leistungen zeigen — nicht Placebo, sondern Pharmakogenetik.

Leistungswirkung: Was Metaanalysen zeigen

Die bisher umfangreichste Analyse stammt von Grgic et al. (2020) — ein Umbrella-Review über 21 Metaanalysen:[4]

  • Ausdauerleistung: +2,2–3,7 % in Time-Trial-Tests
  • Kraftleistung (Muskelausdauer): +3,5 % mehr Wiederholungen
  • Anaerobe Leistung (Sprints): +3,1 %
  • Kognitive Leistung: signifikante Verbesserung in Reaktionszeit und Aufmerksamkeit

Zur Einordnung: Ein Leistungsgewinn von 2–4 % entspricht etwa dem Effekt von 4 Wochen spezifischem Ausdauertraining. Für einen Athleten mit einem Marathonfinish von 3:30 h bedeutet das ca. 4–8 Minuten schneller — ohne Trainingsanpassung.

Optimale Dosierung

Die evidenzbasierte Empfehlung liegt bei 3–6 mg Koffein pro kg Körpergewicht, eingenommen 30–60 Minuten vor Belastungsbeginn.[4]

KörpergewichtDosis (3 mg/kg)Dosis (6 mg/kg) 60 kg180 mg360 mg 70 kg210 mg420 mg 80 kg240 mg480 mg 90 kg270 mg540 mg

Wichtig: Dosen über 6 mg/kg bringen keinen zusätzlichen Leistungsgewinn, erhöhen aber das Risiko für Nebenwirkungen (Übelkeit, Zittern, Tachykardie, Schlafstörungen) überproportional. Beginnt mit 3 mg/kg und testet die individuelle Verträglichkeit.

Timing: Wann einnehmen?

Der Plasmapeak von Koffein wird bei Kapsel und Gel nach 30–60 Minuten erreicht, bei Kaffee nach 45–90 Minuten (abhängig von Mageninhalt).[3] Für einen Wettkampfstart um 7:00 Uhr bedeutet das:

  • Koffein-Kapsel oder Gel: 06:00–06:30 Uhr
  • Kaffee: 05:45–06:15 Uhr (nüchterner Magen beschleunigt Absorption)

Bei sehr frühen Wettkampfstarts (<06:00 Uhr) kann Koffein-Kaugummi sinnvoll sein — buccale Absorption beginnt sofort im Mund, peak plasma nach 15–20 Minuten.

Koffeinformen im Vergleich

Koffein-Kapsel

Günstigste, zuverlässigste Option. Genaue Dosierung, keine Kalorienzufuhr, kein GI-Risiko. Standardempfehlung für Pre-Race-Einnahme.

Koffein-Kaugummi

Schnellste Absorption durch buccale Aufnahme (Mundschleimhaut). In einer RCT von Ryan et al. (2013) zeigte Kaugummi schnelleren Plasmapeak als Kapsel.[5] Sinnvoll für kurze, intensive Formate (Sprint-Triathlon, Crossläufe) oder taktisches Nachladen auf der Laufstrecke beim Ironman.

Energy Gels mit Koffein

Praktisch im Rennen, da KH und Koffein kombiniert. Meist 25–75 mg Koffein pro Gel. Absorption ähnlich wie Kapsel (intestinal). Eingeschränkte Dosierungskontrolle — mehrere Gels können unkontrolliert hohe Koffeindosen ergeben.

Kaffee

Wirksam, aber variabelste Koffeinkonzentration (60–200 mg pro 200 ml, je nach Zubereitung). Chlorogensäuren in Kaffee können GI-Aktivität steigern — vorteilhaft für die Darmregulation vor langen Rennen, aber riskant bei empfindlichem Magen. Im Wettkampf als alleinige Quelle nicht empfohlen.

Koffeintoleranz und Entzug: Muss ich abstinieren?

Die Frage, ob Kaffeepausen vor Wettkämpfen die Koffeinwirkung steigern, ist weniger eindeutig als oft behauptet. Mehrere Studien, darunter Lara et al. (2019), zeigen: Habitueller Koffeinkonsum reduziert zwar die Amplitude der Koffeinwirkung leicht, aber auch Gewohnheitstrinker zeigen signifikante Leistungseffekte auf 3–6 mg/kg.[6]

Fazit zur Abstinenz:

  • 3–7 Tage Entzug vor dem Wettkampf kann die Sensitivität leicht erhöhen
  • Entzugssymptome (Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit) können 24–48 h nach Absetzen auftreten — ungünstig in der Wettkampfwoche
  • Pragmatische Empfehlung: Koffeinzufuhr 4–5 Tage vor dem Wettkampf auf 1 Tasse/Tag reduzieren; voller Entzug nur wenn gut verträglich

Nebenwirkungen und Kontraindikationen

Koffein ist bei gesunden Ausdauersportlern sicher — bei moderater Dosierung. Relevante Nebenwirkungen bei hoher Dosierung (>6 mg/kg) oder individueller Überempfindlichkeit:[7]

  • Übelkeit und GI-Beschwerden (besonders in Kombination mit hochdosiertem KH-Fueling)
  • Zittern, Nervosität, Tachykardie
  • Schlafstörungen — Einnahme nicht später als 6 Stunden vor dem Schlafengehen
  • Erhöhter Blutdruck — relevant bei Hypertonie oder kardiovaskulären Vorerkrankungen

Renntagstrategie über die Ironman-Distanz

Ein strategischer Koffein-Einsatz über 8–12 Stunden Renndauer unterscheidet sich grundlegend von einer Pre-Race-Einzel-Dosis. Folgendes Protokoll basiert auf dem Prinzip der "taktischen Nachdosierung":[8]

Schwimmen (Start)

150–200 mg Koffein (Kapsel) 45 Minuten vor dem Start. Plasmapeak auf dem Rad, wenn die höchste Leistungsanforderung beginnt.

Radstrecke (km 90–120)

25–50 mg Koffein über koffeinhaltiges Gel oder Kaugummi. Verhindert den Koffein-Abfall zur Mitte des Rennens.

Laufstrecke (km 10–20)

50–75 mg Koffein — Timing so gewählt, dass der Peak in den letzten 10–15 km des Marathons liegt, wenn Müdigkeit und Bewegungsmotivation am kritischsten sind.

Gesamtdosis: Ca. 250–350 mg über das Rennen verteilt — entspricht bei 70 kg Körpergewicht ca. 3,5–5 mg/kg. Innerhalb des evidenzbasierten Optimums.

Wichtig: Auch die Koffein-Rennstrategie muss im Training getestet werden — idealerweise bei mindestens einer langen Trainingsausfahrt mit Laufausgang.

Koffein richtig timen im Wettkampf

Nehmt die Hauptdosis (3 mg/kg) 45–60 Minuten vor dem Start ein — als Kapsel für präzise Dosierung. Beim Ironman plant ihr eine zweite kleine Dosis (25–50 mg) auf dem Rad und eine dritte auf der Laufstrecke. So bleibt der Plasmaspiegel konstant hoch, statt nach 2–3 Stunden abzufallen. Testet dieses Schema zwingend vorab in langen Trainingseinheiten.

Höhere Dosen = kein Vorteil

Viele Athleten glauben, mehr Koffein bedeute mehr Leistung. Ab 6 mg/kg flacht die Dosis-Wirkungs-Kurve ab — der Leistungsgewinn stagniert, während Übelkeit, Zittern und kardiovaskuläre Nebenwirkungen überproportional zunehmen. Mehr als 400–500 mg in einer Dosis ist für die meisten Athleten kontraproduktiv und kann den Wettkampf ruinieren.

Adenosin: Der molekulare Müdigkeitsmarker

Adenosin ist ein Neuromodulator, der sich im Wachzustand kontinuierlich im Gehirn anreichert und zunehmend Müdigkeit signalisiert — ein evolutionärer Schutzmechanismus vor Überlastung. Koffein ist strukturell ähnlich genug, um Adenosin-Rezeptoren zu blockieren, ohne selbst deren Wirkung auszulösen. Das Resultat: Das Gehirn 'fühlt' die Müdigkeit weniger — die objektive Ermüdung läuft dennoch weiter.

Simon Wendlandt

Simon ist Sportwissenschaftler, zertifizierter Sporternährungsberater und Profi-Triathlet. Er startet für das Team Berlin unter anderem in der 1. Triathlon-Bundesliga und ist neben seinen Einsätzen im Team auch als Profi auf internationalen 70.3-Distanzen unterwegs. Mit seiner Kombination aus wissenschaftlichem Fachwissen, praktischer Erfahrung und Leidenschaft für den Ausdauersport unterstützt er Athlet:innen dabei, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.

Quellen

Fredholm, B. B., et al. (2021). Actions of caffeine in the brain with special reference to factors that contribute to its widespread use. Pharmacological Reviews, 51(1), 83–133.Tallis, J., et al. (2016). The effect of physiological concentrations of caffeine on the power output of maximally and submaximally stimulated mouse EDL (fast) and soleus (slow) muscle. Journal of Applied Physiology, 112(1), 64–71.Arnaud, M. J. (2011). Pharmacokinetics and metabolism of natural methylxanthines in animal and man. Handbook of Experimental Pharmacology, 200, 33–91.Grgic, J., et al. (2020). Wake up and smell the coffee: Caffeine supplementation and exercise performance — an umbrella review of 21 published meta-analyses. British Journal of Sports Medicine, 54(11), 681–688.Ryan, E. J., et al. (2013). Caffeine gum and cycling performance: A timing study. Journal of Strength and Conditioning Research, 27(1), 259–264.Lara, B., et al. (2019). Caffeine use in sports: Pharmacokinetics in humans and animals. Frontiers in Physiology, 10, 1672.Wikoff, D., et al. (2017). Systematic review of the potential adverse effects of caffeine consumption in healthy adults, pregnant women, adolescents, and children. Food and Chemical Toxicology, 109, 585–648.Jeukendrup, A. E., & Randell, R. (2011). Fat burners: Nutrition supplements that increase fat metabolism. Obesity Reviews, 12(10), 841–851.Spriet, L. L. (2014). Exercise and sport performance with low doses of caffeine. Sports Medicine, 44(S2), 175–184.Southward, K., et al. (2018). The effect of habitual caffeine use on the ergogenic effect of caffeine in athletes. PLOS ONE, 13(8), e0202583.

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