Kohlenhydrate: Menge, Timing, Periodisierung
Kohlenhydrate sind die am besten erforschte Stellschraube in der gesamten Sporternährung, und trotzdem die am häufigsten falsch verstandene. Der Grund: Trainingsbedarf und Wettkampfbedarf werden in denselben Foren-Threads munter vermischt, obwohl es physiologisch zwei getrennte Fragen sind. Wie viel du täglich brauchst, um Glykogenspeicher zu füllen und Training zu unterstützen, ist eine andere Zahl als das, was dein Darm während der Belastung tatsächlich noch verarbeiten kann.
Tagesbedarf im Training vs. Bedarf im Wettkampf
Tiller et al. (2019) haben im ISSN Position Stand zu Ultra-Marathon-Ernährung Korridore statt Einzelwerte festgelegt, und genau das macht die Empfehlung praktisch nutzbar. Im Training deckt rund 60 Prozent der Tagesenergie aus Kohlenhydraten den Bedarf, das entspricht 5 bis 8 g pro kg Körpergewicht am Tag. Für einen 75 kg schweren Athleten heißt das: 375 bis 600 g Kohlenhydrate über den Tag verteilt, nicht auf eine Mahlzeit konzentriert.
Im Wettkampf sieht die Zahl anders aus. Hier nennt die gleiche Quelle 30 bis 50 g Kohlenhydrate pro Stunde als realistisches Zufuhrfenster, dazu 450 bis 750 ml Flüssigkeit pro Stunde (im Wettkampf, sofern wir nicht von einem Ultra-Wettkampf sprechen, ist auch mehr machbar und teilweise nötig. Dazu später mehr). Wichtig: Die Elektrolytzufuhr, die in vielen handelsüblichen Sportgetränken mitgeliefert wird, reicht laut Tiller et al. oft nicht aus, um den tatsächlichen Bedarf zu decken, besonders bei hoher Schwitzrate oder Hitze. Wer sich ausschließlich auf ein Standardprodukt verlässt, unterschätzt damit häufig sowohl Kohlenhydrat- als auch Natriumbedarf gleichzeitig.
Der Unterschied zwischen Trainingsbedarf und Renntag-Zufuhr ist kein Nebendetail. Wer im Wettkampf versucht, plötzlich 90 g pro Stunde zu vertragen, ohne das je systematisch trainiert zu haben, überfordert seinen Darm mit hoher Wahrscheinlichkeit. Genau dieser Zusammenhang zwischen trainierter Toleranz und Renntag-Zufuhr wird im vertiefenden Artikel zu Magen-Darm-Problemen im Wettkampf ausführlich behandelt.
"Train low, race high": was Periodisierung wirklich bedeutet
Periodisierung der Kohlenhydratzufuhr ist ein Konzept, das in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen hat, oft unter dem Schlagwort "train low, race high". Die Grundidee: Manche Trainingseinheiten bewusst mit reduzierter Kohlenhydratverfügbarkeit fahren, um Anpassungen im Fettstoffwechsel anzustoßen, dann im Wettkampf selbst mit voller Kohlenhydratversorgung antreten.
Lane et al. (2015) haben dazu ein konkretes Protokoll untersucht, das sogenannte "Sleep-low"-Protokoll: reduzierte Kohlenhydratverfügbarkeit über Nacht, gefolgt von einer Trainingseinheit am nächsten Morgen im kohlenhydratarmen Zustand. Das Ergebnis: messbar erhöhte Fettoxidation und eine verstärkte Aktivierung der AMPK- und p38MAPK-Signalwege, zwei zelluläre Signalketten, die an der Anpassung des Energiestoffwechsels beteiligt sind.
Hier kommt die Einschränkung, die in vielen Ratgebern fehlt. Lane et al. (2015) ist eine mechanistische Einzelstudie. Sie zeigt einen physiologischen Signalweg, keine direkte Leistungssteigerung im Wettkampf. Für die Aussage "train low macht dich im Rennen schneller" gibt es aktuell keine Meta-Analyse, die das für Ausdauersport belastbar belegt. Der Mechanismus ist real und interessant, die Übersetzung in einen Leistungsvorteil am Wettkampftag ist bisher Theorie, keine gesicherte Empfehlung.
Diese Studienlage hat allerdings eine Kehrseite, die bei hohem Trainingsvolumen praktisch relevant wird. Je länger der nüchterne Reiz dauert, desto stärker leeren sich die Glykogenspeicher. Physiologisch naheliegend, aber ohne dedizierte Studie zu diesem Einzelaspekt: Am Morgen entsteht parallel ein Energiedefizit, weil die Kalorien aus dem ausgefallenen Frühstück fehlen, und dieses Defizit lässt sich im Laufe des Tages häufig nicht vollständig aufholen. Für die zweite Konsequenz gibt es einen konkreten Beleg. Impey et al. (2018) zeigen im "Fuel for the work required"-Modell, dass eine zu stark reduzierte Kohlenhydratverfügbarkeit die absolute Trainingsintensität der Einheit selbst senkt, nicht nur den Substratmix verschiebt. Bei mehreren Einheiten am selben Tag, wie sie bei 10 bis 12h Trainingsvolumen pro Woche keine Ausnahme sind, trifft die morgendliche Glykogenentleerung dann direkt die nachfolgende Einheit. Praktische Konsequenz: Kohlenhydratverfügbarkeit an den Bedarf der kommenden Einheit(en) koppeln, nicht pauschal nüchtern trainieren.
Praktisch heißt das: Periodisierung kann ein sinnvoller Baustein im Trainingsplan sein, besonders für lange Grundlageneinheiten, aber sie ersetzt nicht die Renntag-Strategie mit voller Kohlenhydratzufuhr. Adaptation im Training und maximale Verfügbarkeit im Rennen sind zwei unterschiedliche Ziele, die zwei unterschiedliche Strategien brauchen.
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Flüssigkeit & Elektrolyte
Elektrolyte sind das Thema mit der größten Verwirrung im gesamten Feld der Sporternährung, und gleichzeitig eines der individuellsten. Kaum ein Bereich wird so pauschal behandelt wie der Salzverlust beim Schwitzen, obwohl die Studienlage seit Jahren zeigt: Es gibt keine Zahl, die für alle gilt. Was die Forschung stattdessen liefert, ist ein Korridor und ein Verständnis dafür, warum die individuelle Schwankung so groß ausfällt.
Wie viel Natrium wirklich verloren geht, und warum das individuell stark schwankt
Baker et al. (2022) haben untersucht, wie gut sich Schweißnatrium-Verluste überhaupt vorhersagen lassen, mit einem ernüchternden Ergebnis für jede pauschale Formel: Statistische Modelle erklären nur 17 bis 23 Prozent der Varianz im individuellen Schweißnatrium. Die stärksten Prädiktoren waren Energieumsatz während der Belastung und die Jahreszeit, also der Grad der Hitzeadaptation. Alter, Ethnie und Ernährungsgewohnheiten, Faktoren, die in vielen Ratgebern als Hauptursache genannt werden, spielten in der Untersuchung dagegen kaum eine Rolle.
Das erklärt, warum zwei Athlet:innen mit identischem Trainingsplan am selben Wettkampftag völlig unterschiedliche Salzverluste haben können. Es ist keine Frage der Disziplin oder der richtigen Ernährung im Vorfeld, sondern messbare physiologische Variabilität.
Goulet et al. (2017) haben zusätzlich die Messmethodik selbst geprüft und fünf verschiedene Analyseverfahren zur Schweißnatrium-Bestimmung verglichen. Auch bei identischer Person und identischer Methode ergab sich eine normale Variabilität von etwa plus/minus 12 Prozent zwischen Messungen. Heißt: Selbst ein professioneller Schweißtest liefert keine fixe Zahl auf die Kommastelle, sondern eine Bandbreite. Wer sich einmal testen lässt und das Ergebnis danach als unveränderliche Konstante behandelt, überschätzt die Präzision der Methode.
Für dich als Athlet:in bedeutet das: Ein Schweißtest ist ein guter Ausgangspunkt, kein Endpunkt. Die eigentliche Kalibrierung passiert über wiederholtes Testen im Training und in B-Wettkämpfen, nicht über eine einmalige Labormessung.
Hyponatriämie: das eigentliche Risiko liegt beim Trinken, nicht beim Salz
Die verbreitete Angst vor Salzmangel im Ausdauersport ist, physiologisch betrachtet, meistens die falsche Angst. Noakes (2002) zeigt in seiner vielzitierten Analyse: Symptomatische Hyponatriämie, ein gefährlich niedriger Natriumspiegel im Blut, entsteht in den allermeisten Fällen durch Flüssigkeits-Überkonsum, nicht primär durch zu geringe Natriumzufuhr. Wer während eines langen Wettkampfs deutlich mehr trinkt, als er über Schweiß verliert, verdünnt sein Blutnatrium, unabhängig davon, wie viel Salz gleichzeitig aufgenommen wird.
Nikolaidis et al. (2018) bestätigen das für Ultra-Distanzen und liefern konkrete Korridore zur Prävention: 10 bis 25 mmol Natrium pro Liter Flüssigkeit, kombiniert mit einer Trinkmenge-Obergrenze von 300 bis 600 ml pro Stunde. Die Obergrenze ist hier der entscheidende Hebel, nicht die Natriummenge allein.
Die praktische Konsequenz: Trink nach Durst, nicht nach einem starren Zeitplan von "alle 15 Minuten ein Schluck". Wer bei moderater Hitze und moderatem Tempo literweise Wasser in sich hineinzwingt, weil eine App das so vorschlägt, erhöht das Hyponatriämie-Risiko aktiv, unabhängig von der Salzzufuhr. Das ist kontraintuitiv, weil die öffentliche Wahrnehmung fast ausschließlich vor zu wenig Trinken warnt. Beide Fehler existieren, aber der Trinken-nach-Plan-Fehler wird in der Praxis deutlich unterschätzt.
Die vollständige Herleitung, wie du deinen eigenen Natrium-Korridor testest, welche Fehler beim Selbermischen von Elektrolytgetränken am häufigsten passieren und ob Elektrolyte im Alltag außerhalb von intensivem Training überhaupt eine Rolle spielen, findest du im vertiefenden Artikel zu Elektrolyten im Ausdauersport:
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Der Darm als trainierbares Organ
Kohlenhydrate und Elektrolyte nützen wenig, wenn dein Darm sie unter Wettkampfstress nicht aufnehmen kann. Genau das ist der dritte, oft übersehene Baustein: Magen-Darm-Probleme sind im Ausdauersport die Regel, nicht die Ausnahme, mit einer Prävalenz von bis zu 70 Prozent über Laufen, Radfahren und Triathlon hinweg. Der Mechanismus dahinter ist gut erklärbar: Wettkampfstress aktiviert den Sympathikus, den Teil deines Nervensystems, der dich in Kampf-oder-Flucht-Modus versetzt, und reduziert dabei die Durchblutung von Magen und Darm um bis zu 80 Prozent. Deshalb verträgt dein Darm im Rennen oft weniger als im ruhigen Training, bei identischer Belastungsintensität.
Die gute Nachricht: Dieser Zustand ist trainierbar, und zwar deutlich schneller, als die meisten Ratgeber behaupten. Statt der oft kolportierten 8 bis 12 Wochen zeigen aktuelle RCTs bereits nach 1 bis 2 Wochen gezieltem Darmtraining messbare Verbesserungen bei GI-Symptomen und Kohlenhydrat-Aufnahme. Gleichzeitig ist Darmtraining kein Freifahrtschein für beliebig hohe Kohlenhydratmengen, die Studienlage zeigt auch klare Grenzen des Effekts bei bereits hochtrainierten Athlet:innen.
Weil dieses Thema für sich genommen so umfangreich ist, dass es einen eigenen Artikel füllt, mit Protokoll, konkreten Zufuhrraten aus echten Wettkämpfen und der Frage, wann ein Bauchproblem kein Ernährungsproblem mehr ist, sondern ärztlich abgeklärt werden sollte, findest du die vollständige Herleitung hier:
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Ergogene Hilfsmittel: was wirklich wirkt
Ergogene Hilfsmittel sind Substanzen, die die Leistungsfähigkeit direkt verbessern sollen, nicht nur den Energiehaushalt decken wie Kohlenhydrate. Genau hier trennt sich in der Sporternährung am deutlichsten die Spreu vom Weizen: Für die allermeisten beworbenen Produkte gibt es keine belastbare Evidenz, für eine kleine Gruppe dagegen sehr wohl. Drei Substanzen halten wiederholter Meta-Analyse stand: Koffein, Nitrat und Natriumbicarbonat. Der Rest ist, mit unterschiedlicher Berechtigung, Feintuning.
Koffein
Koffein ist das am besten belegte ergogene Hilfsmittel im gesamten Ausdauersport, mit einer Evidenzbasis, die kaum eine andere Substanz erreicht. Southward et al. (2018) fassen in ihrer Meta-Analyse 46 Einzelstudien zusammen: Koffein in einer Dosierung von 3 bis 6 mg pro kg Körpergewicht verbessert die Zeitfahrleistung im Schnitt um 2,22 Prozent. Für einen 75 kg schweren Athleten entspricht das 225 bis 450 mg, ein Espresso liefert davon ungefähr 80 mg, du brauchst also mehr als einen einzelnen Kaffee, um in den wirksamen Bereich zu kommen.
Wang et al. (2022) haben in einer separaten Meta-Analyse mit 21 RCTs speziell die Time-to-Exhaustion beim Laufen untersucht, also wie lange eine feste Belastung durchgehalten werden kann. Auch hier zeigt sich ein Effekt (Hedges g = 0,392): Koffein verlängert die Zeit bis zur Erschöpfung messbar.
Wichtig für die praktische Anwendung: Der Effekt ist gut belegt, die individuelle Verträglichkeit schwankt trotzdem stark. Manche Athlet:innen reagieren auf 3 mg/kg bereits mit Herzrasen oder Schlafproblemen am Vorabend, andere merken bei 6 mg/kg kaum etwas. Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass "die eine richtige Dosis" nicht existiert, sondern nur ein getesteter, individueller Korridor.
Nitrat/Rote-Bete-Saft, inklusive Gegenbeleg bei HIIT
Rote-Bete-Saft und andere nitratreiche Lebensmittel werden im Ausdauersport seit Jahren als natürlicher Leistungsbooster vermarktet. Die Studienlage dazu ist differenzierter, als das Marketing suggeriert, und genau diese Differenzierung fehlt in den meisten Ratgebern komplett.
Hoon et al. (2013) fanden in ihrer Meta-Analyse über 17 Studien einen moderaten Effekt auf die Time-to-Exhaustion, also die Zeit bis zur Erschöpfung bei konstanter Belastung (Effektstärke 0,79). Bei Zeitfahrten, also der für Wettkämpfe relevanteren Leistungsform, war der Effekt dagegen klein und statistisch nicht signifikant.
Wong et al. (2021) liefern den Gegenbeleg für einen anderen Belastungsbereich: In ihrer Meta-Analyse über ebenfalls 17 Studien zu hochintensivem Intervalltraining und Sprint-Intervallen fand sich kein signifikanter Effekt von Rote-Bete-Saft auf Spitzen- oder Durchschnittsleistung. Nitrat scheint also vor allem bei länger andauernder, submaximaler Belastung zu wirken, nicht bei kurzen, hochintensiven Belastungsspitzen.
Für dich als Ausdauersportler:in heißt das: Nitrat ist keine sichere Bank für jede Wettkampfdistanz. Bei langen, gleichmäßigen Belastungen wie Marathon oder Langdistanz-Radfahren lohnt sich ein individueller Test, bei kurzen, intensiven Wettkämpfen ist die Erwartungshaltung realistisch niedriger anzusetzen. "Studien zeigen einen Effekt" und "Studien zeigen einen Effekt für genau diese Belastungsform" sind zwei verschiedene Aussagen, ein Unterschied, der in der Vermarktung fast immer verschwindet.
Natriumbicarbonat
Natriumbicarbonat, umgangssprachlich Backpulver, ist das am wenigsten bekannte, aber physiologisch am klarsten begrenzte der drei gut belegten ergogenen Hilfsmittel. Grgic et al. (2021) fassen im ISSN Position Stand zusammen: Wirksam ist Bicarbonat bei hochintensiver Belastung zwischen 30 Sekunden und 12 Minuten Dauer, mit einer optimalen Einzeldosis von 0,3 g pro kg Körpergewicht.
Das grenzt die Anwendung deutlich ein. Für einen Marathon oder eine Langdistanz-Bikeleg ist Bicarbonat nicht die passende Wahl, für ein 3.000-Meter-Rennen auf der Bahn, einen Prolog oder eine kurze, intensive Wettkampfsequenz dagegen schon.
Der Haken: Nebenwirkungen wie Übelkeit, Blähungen und Krämpfe sind laut Grgic et al. häufig, gerade bei der wirksamen Dosierung. Bicarbonat ist deshalb keine Substanz, die du am Wettkampftag zum ersten Mal ausprobierst. Wer die gastrointestinale Verträglichkeit vorher nicht im Training getestet hat, riskiert genau die Symptome, die ein gut geplantes Renntag-Protokoll eigentlich vermeiden soll.
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Supplemente: Evidenz vs. Marketing
Zieht man Kohlenhydrate, Elektrolyte, Darmtraining und die drei belegten ergogenen Hilfsmittel zusammen, bleibt eine ehrliche Frage: Was ist mit dem Rest des Supplement-Regals? Die Antwort liefert eine der umfassendsten Konsens-Einordnungen im gesamten Feld, ergänzt um die zweite große, oft überschätzte Stellschraube: Protein.
Die IOC-Konsens-Logik: 4 Substanzen mit guter Evidenz, der Rest ist Feintuning
Maughan et al. (2018) haben im Auftrag des IOC den aktuellen Wissensstand zu Supplementen im Sport zusammengefasst, und das Ergebnis ist ernüchternd für die Supplement-Industrie: Nur eine kleine Gruppe an Substanzen, Koffein, Kreatin, Bicarbonat beziehungsweise Beta-Alanin und Nitrat, hat eine wirklich gute Evidenzbasis. Für praktisch alles andere im Regal fehlt vergleichbar belastbare Evidenz.
Selbst innerhalb dieser gut belegten Gruppe betonen Maughan et al. zwei Einschränkungen. Erstens große individuelle Response-Unterschiede: was bei einer Person wirkt, muss bei einer anderen nicht wirken. Zweitens ein reales Dopingrisiko durch Verunreinigung, viele Supplement-Produkte enthalten laut Analysen Substanzen, die nicht auf dem Etikett stehen, ein Risiko, das bei verschreibungsfreien Nahrungsergänzungsmitteln oft unterschätzt wird.
Kreatin und Beta-Alanin werden vom IOC-Konsens explizit als gut belegte Substanzen genannt. Das ist kein Grund, sie zu meiden, aber auch keine Grundlage, sie hier mit der gleichen Sicherheit wie Koffein, Nitrat oder Bicarbonat einzuordnen.
Protein: warum die meisten Ausdauersportler:innen den Bedarf längst decken
Protein ist das Supplement-Thema, bei dem die Foren-Meinung am weitesten von der Studienlage entfernt liegt. Phillips et al. (2007) beziffern den tatsächlichen Bedarf für Ausdauersportler:innen auf 1,2 bis 1,4 g pro kg Körpergewicht am Tag, deutlich unter den Werten, die in Kraftsport-Communities oder Supplement-Werbung häufig kursieren.
Jäger et al. (2017) fassen im ISSN Position Stand einen etwas breiteren Korridor zusammen: 1,4 bis 2,0 g pro kg Körpergewicht am Tag reicht für die meisten Trainierenden aus, unabhängig davon, ob primär Ausdauer- oder Krafttraining im Fokus steht. Wichtiger als die absolute Tagesmenge ist laut Jäger et al. die Verteilung über den Tag, mehrere proteinreiche Mahlzeiten schlagen eine einzelne große Dosis.
Für einen 75 kg schweren Athleten liegt der praktische Korridor damit bei 90 bis 150 g Protein am Tag, verteilt auf 3 bis 4 Mahlzeiten. Wer diese Menge über normale Ernährung wie Fleisch, Fisch, Hülsenfrüchte oder Milchprodukte erreicht, was teilweise der Fall ist, braucht kein zusätzliches Proteinpulver, um den Bedarf zu decken. Ein Proteinshake ist praktisch, wenn die Zeit für eine feste Mahlzeit fehlt, er ist aber kein Bereich, in dem mehr automatisch besser bedeutet.
Evidenz-Übersicht: was wirklich trägt
| Substanz/Strategie | Evidenzlage | Praktische Einordnung |
|---|
| Kohlenhydrate (Menge, Timing) | Stark (RCT-Konsens, ISSN Position Stand) | Basis, nicht verhandelbar |
| Elektrolyte/Natrium | Stark, aber individuell stark variabel | Korridor testen, nicht pauschal übernehmen |
| Koffein | Stark (mehrere Meta-Analysen) | 3 bis 6 mg/kg, individuelle Verträglichkeit testen |
| Nitrat/Rote-Bete-Saft | Gemischt: Time-to-Exhaustion ja, Zeitfahren/HIIT eher nicht | Für lange, gleichmäßige Belastung testen |
| Natriumbicarbonat | Stark bei 30 Sekunden bis 12 Minuten Belastung | Nur kurze, hochintensive Distanzen, vorher testen |
| Kreatin/Beta-Alanin | Laut IOC-Konsens gut belegt, ausdauersportspezifische Quelle [ERGÄNZEN] | Vorsichtig einordnen, nicht mit gleicher Sicherheit wie Koffein/Nitrat/Bicarbonat |
| Protein | Bedarf niedriger als oft behauptet | 1,2 bis 2,0 g/kg/d, meist über normale Ernährung gedeckt |
Studienübersicht
| Studie | Jahr | Design | Kernbefund |
|---|
| Tiller et al. | 2019 | ISSN Position Stand | 5 bis 8 g/kg/d im Training, 30 bis 50 g CHO/h und 450 bis 750 ml/h im Rennen, Elektrolytbedarf oft höher als handelsübliche Produkte liefern. |
| Lane et al. | 2015 | Interventionsstudie | "Sleep-low"-Protokoll erhöht Fettoxidation und AMPK/p38MAPK-Signalwege am Folgetag, mechanistisch, keine Leistungs-Meta-Analyse. |
| Impey et al. | 2018 | Theoretisches Review | "Fuel for the work required": zu stark reduzierte Kohlenhydratverfügbarkeit senkt die absolute Trainingsintensität der Einheit selbst, Glykogenschwellen-Hypothese. |
| Baker et al. | 2022 | Modellierungsstudie | Modelle erklären nur 17 bis 23 Prozent der Varianz im Schweißnatrium, Energieumsatz und Jahreszeit sind die stärksten Prädiktoren. |
| Goulet et al. | 2017 | Methodenvergleich | 5 Analyseverfahren zur Schweißnatrium-Messung verglichen, normale Variabilität ca. plus/minus 12 Prozent. |
| Noakes | 2002 | Review | Symptomatische Hyponatriämie entsteht durch Flüssigkeits-Überkonsum, nicht primär durch Natriumverlust. |
| Nikolaidis et al. | 2018 | Review | Natrium 10 bis 25 mmol/l, Flüssigkeit auf 300 bis 600 ml/h begrenzen zur EAH-Prävention. |
| Southward et al. | 2018 | Meta-Analyse, 46 Studien | Koffein (3 bis 6 mg/kg) verbessert Zeitfahrleistung im Schnitt um 2,22 Prozent. |
| Wang et al. | 2022 | Meta-Analyse, 21 RCTs | Koffein verlängert die Time-to-Exhaustion beim Laufen (Hedges g = 0,392). |
| Hoon et al. | 2013 | Meta-Analyse, 17 Studien | Moderater Effekt von Nitrat auf Time-to-Exhaustion (ES 0,79), kleiner, nicht signifikanter Effekt auf Zeitfahrten. |
| Wong et al. | 2021 | Meta-Analyse, 17 Studien | Kein signifikanter Effekt von Rote-Bete-Saft auf Peak-/Mittelwert-Leistung bei HIIT/Sprint-Intervallen. |
| Grgic et al. | 2021 | ISSN Position Stand | Bicarbonat wirksam bei 30 Sekunden bis 12 Minuten Belastung, 0,3 g/kg optimale Einzeldosis, Nebenwirkungen häufig. |
| Maughan et al. | 2018 | IOC Consensus Statement | Nur Koffein, Kreatin, Bicarbonat/Beta-Alanin und Nitrat mit guter Evidenz, große individuelle Response-Unterschiede, Dopingrisiko durch Verunreinigung. |
| Phillips et al. | 2007 | Review | Proteinbedarf für Ausdauersportler:innen 1,2 bis 1,4 g/kg/d, deutlich unter oft kolportierten Werten. |
| Jäger et al. | 2017 | ISSN Position Stand | 1,4 bis 2,0 g/kg/d für die meisten Trainierenden ausreichend, Timing/Verteilung relevanter als Einzeldosis. |