Menstruationszyklus und Training: Was die Forschung zur Leistung und zum Verletzungsrisiko zeigt

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08.08.2026
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Zyklusbasiertes Training ist in aller Munde: Trainingspläne, die sich an Follikelphase und Lutealphase orientieren, versprechen bessere Leistung und weniger Verletzungen. Die stärkste vorliegende Evidenz zeichnet ein deutlich nüchterneres Bild. Die bislang größte Untersuchung zu diesem Thema, eine Netzwerk-Meta-Analyse über 78 Studien, findet nur eine statistisch triviale Leistungsreduktion in der frühen Follikelphase, bei insgesamt niedriger Evidenzqualität (McNulty et al., 2020). Was die Forschung wirklich zeigt, wo sie sich ehrlich widerspricht, und was davon für dein Training praktisch nutzbar ist, liest du hier ohne Beschönigung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die meisten Meta-Analysen zeigen nur triviale Effekte des Zyklus auf deine Leistung
  • Beim Verletzungsrisiko ist die Studienlage echt widersprüchlich, nicht nur schwach belegt
  • Ein UEFA-Konsens von 2025 bestätigt: Zyklus-Tracking hilft beim Wohlbefinden, nicht als starre Trainingsvorgabe
  • Hormonelle Verhütung schneidet in aktuellen Meta-Analysen unauffällig bis leicht protektiv ab
  • Thermoregulation und Muskelkater nach intensiven Einheiten sind real messbare, praktisch nutzbare Effekte
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Was ist der Menstruationszyklus

Der Menstruationszyklus lässt sich in zwei Hauptphasen einteilen, getrennt durch den Eisprung. In der Follikelphase, die mit dem ersten Tag der Periode beginnt und im Schnitt 13 bis 14 Tage dauert, steigt der Östrogenspiegel kontinuierlich an, während Progesteron niedrig bleibt. Um die Zyklusmitte kommt es zum Eisprung, einem kurzen, aber deutlichen Östrogen-Peak. Danach beginnt die Lutealphase: Progesteron wird zum dominanten Hormon, Östrogen bleibt moderat erhöht.

Für dein Training ist vor allem eine Konsequenz dieser Hormonverschiebung relevant, weil sie sich messbar auswirkt, nicht nur theoretisch: Progesteron hebt die Körperkerntemperatur an. Deine Kerntemperatur ist in der Lutealphase vor und nach Belastung signifikant höher als in der Follikelphase (Giersch et al., 2020). Das ist praktisch relevant, vor allem bei Hitzetraining oder Wettkämpfen bei hohen Temperaturen, dazu weiter unten mehr.

Nimmst du hormonell verhütende Präparate wie die Pille, ersetzt ein künstlich konstanter oder phasenweise gesteuerter Hormonspiegel diesen natürlichen Verlauf. Die Bezeichnungen ändern sich entsprechend: aktive Einnahmephase und Einnahmepause statt Follikel- und Lutealphase. Ob und wie stark sich das auf dein Training auswirkt, dazu weiter unten ein eigener Abschnitt.

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Was sagt die Forschung

Die Studienlage zu Zyklus und Leistung ist umfangreicher, als die meisten Ratgeber vermuten lassen, aber sie zerfällt in zwei sehr unterschiedliche Bilder: Bei der Leistungsfähigkeit selbst ist der Effekt bemerkenswert klein, beim Verletzungsrisiko ist er dagegen wissenschaftlich umstritten.

Leistungsfähigkeit über die Zyklusphasen

Die bislang größte Untersuchung zu diesem Thema ist eine Netzwerk-Meta-Analyse über 78 Studien (McNulty et al., 2020). Ergebnis: In der frühen Follikelphase ist die Leistung im Schnitt geringfügig reduziert, mit einer Effektstärke von minus 0,06 statistisch trivial. Die Evidenzqualität der zugrunde liegenden Studien stufen die Autor:innen selbst als niedrig ein, nur 42 Prozent erreichen ausreichende methodische Qualität.

Eine aktuelle Multi-Methoden-Übersichtsarbeit (D'Souza et al., 2023) kommt zum gleichen Schluss, diesmal für Kraft, Hypertrophie und Substratverbrennung: Die Unterschiede zwischen Zyklusphasen, und zwischen Pillen-Einnahme- und Pausenphase, sind klein oder gar nicht vorhanden. Eine prospektive Kohortenstudie an ausdauertrainierten Frauen (Oxfeldt et al., 2024) bestätigt das für praxisrelevante Größen: 6-Minuten-Zeitfahren und Sprintleistung unterschieden sich nicht zwischen den Zyklusphasen. Einzige Auffälligkeit war eine 7,6 Prozent niedrigere Ventilation in der späten Follikelphase gegenüber der Lutealphase, praktisch kaum spürbar.

Am direktesten für dich als ambitionierte Athletin ist ein kontrolliertes RCT (Kubica et al., 2024): 33 Frauen absolvierten 8 Wochen polarisiertes Lauftraining, eine Gruppe mit hochintensiven Einheiten passend zur Follikelphase, die andere Gruppe bewusst dagegen. Beide Gruppen verbesserten sich in Ausdauerleistung und Herz-Kreislauf-Parametern gleich stark, kein zusätzlicher Nutzen durch die Zyklus-Anpassung. Genau das ist der Punkt, an dem viele Ratgeber zu zyklusbasiertem Training zu weit gehen: Sie versprechen einen Leistungsvorteil, den die bislang einzige kontrollierte Studie dazu nicht bestätigt.

Zwei Effekte sind dagegen real und praktisch nutzbar, auch wenn sie nicht die Leistungsfähigkeit selbst betreffen. Erstens die bereits beschriebene höhere Körperkerntemperatur in der Lutealphase (Giersch et al., 2020), relevant fürs Hitzemanagement. Zweitens mehr Muskelkater und Kraftverlust nach exzentrischer Belastung in der frühen Follikelphase: Eine Meta-Analyse über 19 Studien (Romero-Parra et al., 2021) fand hier die größten Unterschiede zwischen den Phasen, am stärksten ausgeprägt genau zu Zyklusbeginn. Kraftmessgrößen selbst bleiben davon laut einer weiteren Meta-Analyse über 21 Studien (Blagrove et al., 2020) fast unberührt, die Effektstärken liegen durchgehend bei maximal 0,35.

Verletzungsrisiko und Zyklusphase

Beim Verletzungsrisiko kippt das Bild von kleinem Effekt zu echtem wissenschaftlichem Streit. Eine ältere, aber oft zitierte systematische Übersicht (Balachandar et al., 2017) beschreibt starke Evidenz für ein erhöhtes Risiko einer Verletzung des vorderen Kreuzbands in der präovulatorischen Phase, verbunden mit größerer Bandlaxität und veränderter Kniebiomechanik.

Eine neuere, methodisch strengere systematische Übersicht kommt zu einem anderen Schluss (Dos'Santos et al., 2023). Von 418 gesichteten Artikeln erfüllten nur 7 die Einschlusskriterien, die Evidenzqualität wird nach GRADE-Kriterien als niedrig bis sehr niedrig eingestuft. Fazit: inkonklusiv, keine Zyklusphase lässt sich verlässlich als Risikophase identifizieren. Zwei der sieben Studien deuten zwar auf ein erhöhtes Risiko in der Lutealphase hin, die Autor:innen mahnen selbst zur Vorsicht, bevor daraus Trainingssteuerung abgeleitet wird.

Eine prospektive Kohortenstudie über drei Saisons bei 26 Profi-Fußballerinnen (Barlow et al., 2024) liefert die bislang belastbarsten Praxisdaten: Bei 593 erfassten Zyklen und 74 Verletzungen war die Verletzungsrate in der prämenstruellen Phase 2,3-fach höher als zu Zyklusbeginn, bei muskelspezifischen Verletzungen sogar rund 6-fach höher. Auffällig: In der gesamten Untersuchung wurde keine einzige ACL-Verletzung registriert, die erhöhte Rate betraf vor allem Muskelverletzungen.

Einen möglichen biologischen Mechanismus für den ACL-Zusammenhang liefert eine systematische Übersicht zum Hormon Relaxin (Parker et al., 2024): Der Relaxin-Spiegel erreicht seinen Höhepunkt an den Zyklustagen 21 bis 24, einem Zeitraum, der mit erhöhtem ACL-Risiko assoziiert wird, weil Relaxin Kollagen im Bandgewebe abbaut. Hormonelle Verhütung senkt den Relaxin-Spiegel nachweislich, ein möglicher, aber noch nicht kausal bewiesener Schutzmechanismus.

Der Widerspruch zwischen Balachandar und Dos'Santos ist der aktuelle Stand der Wissenschaft selbst, keine Recherchelücke. Wer dir sagt, die präovulatorische oder die Lutealphase sei eindeutig die Risikophase fürs Kreuzband, verschweigt entweder die Gegenevidenz oder kennt sie nicht.

Grenzen der aktuellen Studienlage

Wie uneinheitlich die Evidenz insgesamt ist, bestätigt inzwischen auch die UEFA. Ihr Konsensuspapier zum Zyklus-Tracking im Frauenfußball (Verhagen et al., 2025) entstand über ein multidisziplinäres Expertengremium und umfasst 82 Konsensaussagen zu fünf Themenfeldern. Die zentrale Aussage deckt sich mit dem, was die Einzelstudien oben zeigen: Die aktuelle Evidenz zu Zyklusphase, Leistung und Verletzungsrisiko bleibt inkonklusiv.

Trotzdem empfiehlt das Gremium Zyklus-Tracking, mit einer wichtigen Einschränkung. Nicht zur Ableitung starrer Trainingsvorgaben, sondern um Wohlbefinden zu unterstützen, Zyklusunregelmäßigkeiten frühzeitig zu erkennen, Symptome zu managen und Athletinnen mehr Aufklärung und Selbstbestimmung über den eigenen Körper zu geben. Tracking als Beobachtungsinstrument ja, als starres Regelwerk für deinen Trainingsplan nein. Genau diese Trennung fehlt in den meisten Ratgebern, die dir vorschreiben, wann du wie zu trainieren hast.

Praktische Anwendung: Trainingssteuerung nach Zyklusphase

Auch wenn die Evidenz für pauschale Phasenpläne fehlt, lassen sich aus den oben beschriebenen Einzelbefunden drei Dinge praktisch nutzen, ohne über die Studienlage hinauszugehen.

Erstens: Hitzemanagement in der Lutealphase mitdenken. Weil deine Körperkerntemperatur in dieser Phase vor und nach Belastung höher liegt (Giersch et al., 2020), lohnt sich bei Hitzetraining oder Wettkämpfen in dieser Zyklushälfte ein bewussterer Blick auf Flüssigkeitszufuhr und Abkühlstrategien, als zusätzlicher Faktor unter mehreren, nicht als neue starre Regel.

Zweitens: Längere Recovery nach intensiven exzentrischen Einheiten in der frühen Follikelphase einplanen, etwa nach Bergabläufen oder intensivem Krafttraining. Die Datenlage zu Muskelkater und Kraftverlust (Romero-Parra et al., 2021) gehört zu den robusteren Einzelbefunden in diesem Artikel.

Drittens: Tracking als Selbstbeobachtung nutzen, nicht als Diktat. Zyklus-Tracking-Apps können dir helfen, deine eigene, individuelle Reaktion über mehrere Zyklen hinweg zu erkennen, das ist etwas anderes als ein generischer Phasenplan von der Stange. Genau diesen Unterschied macht auch der UEFA-Konsens explizit.

Was dagegen selten der eigentliche Hebel ist: eine seit Monaten stagnierende Leistung allein auf den Zyklus zu schieben. Bei echter Stagnation lohnt sich meist zuerst der Blick auf Trainingsintensität und -struktur, dazu mehr im Artikel zu VO2max verbessern.

Häufige Fehler

Starre Phasen-Trainingspläne ohne individuelle Validierung übernehmen. Die bislang einzige kontrollierte Studie zu zyklusangepasstem Training (Kubica et al., 2024) fand keinen Zusatznutzen gegenüber klassischem Training. Ein fertiger Phasenplan aus einem Ratgeber oder einer App ist deshalb kein Ersatz für die Beobachtung, wie dein Körper tatsächlich reagiert. Genauso wenig sind das starre Vorgaben zum Training durch einen Coach der mit zyklusbasierten Training wirbt.

Subjektiv wahrgenommene Leistungsschwankung vorschnell als objektiven Fakt behandeln. Dass sich ein Training an einem bestimmten Zyklustag schwerer anfühlt, kann viele Ursachen haben: Schlaf, Stress, Ernährung, Trainingsbelastung der Vortage. Die Meta-Analysen zeigen durchweg triviale bis kleine Effekte auf die tatsächliche Leistungsfähigkeit (McNulty et al., 2020; D'Souza et al., 2023). Ein schlechtes Trainingsgefühl an einem einzelnen Tag ist noch kein Beleg für einen Zyklus-Effekt, kann es aber sein.

Zyklusstörungen als normal bei viel Sport abtun. Das ist der gefährlichste Fehler in dieser Liste, weil er Symptome verharmlost, die ärztlich abgeklärt gehören. Eine ausbleibende oder stark unregelmäßige Periode ist kein Zeichen besonderer Fitness, sondern potenziell ein frühes Warnsignal für relativen Energiemangel im Sport. Mehr dazu im Abschnitt Spezialfälle weiter unten.

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Spezialfälle

Hormonelle Verhütung und Training

Die aktuelle Evidenz zur Pille ist, verglichen mit dem Verletzungsrisiko-Kapitel oben, überraschend beruhigend. Die bislang größte Meta-Analyse dazu (Elliott-Sale et al., 2020, 42 Studien, 590 Teilnehmerinnen) findet höchstens einen trivialen Leistungsnachteil durch die Einnahme, verglichen mit natürlich menstruierenden Frauen. Die Autor:innen selbst sehen keine ausreichende Grundlage für eine generelle Empfehlung für oder gegen die Pille aus reinen Leistungsgründen.

Die bereits erwähnte Multi-Methoden-Übersichtsarbeit (D'Souza et al., 2023) bestätigt das für Kraftaufbau und Substratverbrennung: kein relevanter Unterschied zwischen aktiver Einnahmephase und Einnahmepause. Auch die Kohortenstudie an ausdauertrainierten Frauen (Oxfeldt et al., 2024) fand keine praktisch bedeutsamen Unterschiede in Zeitfahr- oder Sprintleistung zwischen den Pillenphasen.

Beim Verletzungsrisiko deutet die Evidenz sogar in eine potenziell protektive Richtung. Eine Meta-Analyse über 21 Studien und 68.758 Teilnehmerinnen (Herzberg et al., 2017) findet eine Assoziation zwischen hormoneller Verhütung und einem bis zu 20 Prozent geringeren ACL-Risiko, wobei die Autor:innen die Gesamtevidenz selbst als niedrig einstufen. Der oben beschriebene Relaxin-Mechanismus (Parker et al., 2024) liefert eine plausible physiologische Erklärung: Die Pille unterdrückt den natürlichen Relaxin-Anstieg, der mit erhöhtem ACL-Risiko in Verbindung gebracht wird.

Für dich heißt das praktisch: Verhütest du aus anderen Gründen bereits hormonell, gibt die aktuelle Studienlage keinen belastbaren Grund, das wegen befürchteter Leistungseinbußen zu ändern. Die Entscheidung für oder gegen die Pille bleibt trotzdem eine individuelle, medizinische Frage, die in die gynäkologische Sprechstunde gehört, nicht in einen Trainingsartikel.

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Zyklusstörungen als Warnsignal

Eine ausbleibende oder stark unregelmäßige Periode über mehrere Monate gehört zu den frühesten Warnzeichen für RED-S, den relativen Energiemangel im Sport. Der Mechanismus dahinter: Bei chronisch zu geringer Energieverfügbarkeit priorisiert dein Körper Grundfunktionen gegenüber Fortpflanzungsfähigkeit, die Zyklusregulation ist eines der ersten Systeme, das darunter leidet.

Wichtig ist die Reihenfolge im Kopf: nicht erst nach starken Leistungseinbußen aufmerksam werden, sondern schon bei einem unregelmäßigen oder ausbleibenden Zyklus, auch wenn die Leistung noch stabil wirkt. Genau dieser zeitliche Vorlauf macht den Unterschied zwischen früherer Gegensteuerung und einem chronifizierten Problem.

Ursachen, Selbsttest und der genaue Diagnoseweg würden diesen Artikel sprengen, das ist Thema eines eigenen, vertiefenden Beitrags: RED-S Syndrom im Ausdauersport.

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Studienübersicht

StudieJahrDesignKernbefund
McNulty et al.2020Netzwerk-Meta-Analyse (78 Studien)Trivial reduzierte Leistung in der frühen Follikelphase (Effektstärke -0,06), Evidenzqualität insgesamt niedrig (42 %).
D'Souza et al.2023Multi-Methoden-ReviewKein relevanter Effekt von Zyklus oder Pille auf Kraft, Hypertrophie oder Substratverbrennung.
Oxfeldt et al.2024Prospektive Kohorte (24 ausdauertrainierte Frauen)6-Minuten-Zeitfahren und Sprintleistung unverändert über Zyklus- und Pillenphasen, nur kleine Nebenbefunde.
Kubica et al.2024RCT (33 Frauen, 8 Wochen)Zyklusangepasstes polarisiertes Training bringt keinen Zusatznutzen gegenüber Standardtraining.
Giersch et al.2020Meta-Analyse (9 Studien)Signifikant höhere Körperkerntemperatur vor und nach Belastung in der Lutealphase.
Romero-Parra et al.2021Meta-Analyse (19 Studien)Mehr Muskelkater und Kraftverlust nach exzentrischer Belastung in der frühen Follikelphase.
Blagrove et al.2020Meta-Analyse (21 Studien)Kraftmessgrößen nur minimal verändert über den Zyklus (Hedges g maximal 0,35).
Balachandar et al.2017Systematisches Review (17 Studien)Starke Evidenz für höchstes ACL-Risiko in der präovulatorischen Phase.
Dos'Santos et al.2023Systematisches Review (7 Studien)Inkonklusiv, Evidenzqualität nach GRADE durchgehend niedrig bis sehr niedrig.
Barlow et al.2024Prospektive Kohorte (26 Profispielerinnen, 3 Saisons)Verletzungsrate in der prämenstruellen Phase 2,3-fach höher als zu Zyklusbeginn.
Parker et al.2024Systematisches ReviewRelaxin-Peak (Zyklustag 21-24) korreliert mit erhöhtem ACL-Risiko, Pille senkt Relaxin-Spiegel.
Elliott-Sale et al.2020Meta-Analyse (42 Studien, 590 Teilnehmerinnen)Höchstens trivialer Leistungsnachteil durch die Pille, keine generelle Empfehlung ableitbar.
Herzberg et al.2017Meta-Analyse (21 Studien, 68.758 Teilnehmerinnen)Hormonelle Verhütung assoziiert mit bis zu 20 % geringerem ACL-Risiko.
Verhagen et al. (UEFA)2025Konsensuspapier (82 Konsensaussagen, RAND-UCLA-Methode)Evidenz zu Zyklus, Leistung und Verletzungsrisiko bleibt inkonklusiv, Tracking trotzdem für Wohlbefinden empfohlen.

Die drei Zyklusphasen auf einen Blick

Follikelphase (Tag 1 bis etwa 13): Östrogen steigt, Körpertemperatur niedrig. Ovulation: kurzer Östrogen-Peak, Eisprung. Lutealphase (Tag 15 bis 28): Progesteron dominiert, Körperkerntemperatur vor und nach Belastung messbar höher als in der Follikelphase (Giersch et al., 2020). Bei Einnahme der Pille ersetzt ein künstlich gesteuerter Hormonspiegel diesen natürlichen Verlauf, die Phasen heißen dann aktive Einnahmephase und Einnahmepause.

Pille und Training in Kürze

Die größte vorliegende Meta-Analyse (42 Studien) findet höchstens einen trivialen Leistungsnachteil durch die Pille (Elliott-Sale et al., 2020). Beim Verletzungsrisiko zeigt sich eher das Gegenteil: Hormonelle Verhütung ist mit bis zu 20 Prozent geringerem Risiko für eine Verletzung des vorderen Kreuzbands assoziiert, bei insgesamt noch niedriger Evidenzqualität (Herzberg et al., 2017).

Wann ein unregelmäßiger Zyklus ein Warnsignal ist

Eine ausbleibende oder unregelmäßige Periode über mehrere Monate ist eines der frühesten Warnzeichen für RED-S, den relativen Energiemangel im Sport, keine Nebenwirkung von viel Training. Betrifft dich das, lohnt sich eine sportmedizinische Abklärung. Mehr zu Ursachen, Screening und Diagnoseweg: RED-S Syndrom im Ausdauersport.

Philip Stapmanns

Philip ist Arzt in der Sportmedizin der Charité, DOSB C-Trainer für Triathlon und selbst begeisterter Amateur-Triathlet. Gemeinsam mit Simon hat er Enduure gegründet, um Ausdauerathlet:innen auf Ihrem Weg durch den Sport zu unterstützen. Er hat bereits diverse IRONMAN 70.3 in sub 4:30h und sub 4:15h gefinisht, an der IRONMAN 70.3 WM in Taupõ (Neuseeland) teilgenommen und die Challenge Roth in unter 10h gefinisht.

Quellen

1. McNulty KL, Elliott-Sale KJ, Dolan E, Swinton PA, Ansdell P, Goodall S, Thomas K, Hicks KM (2020). The Effects of Menstrual Cycle Phase on Exercise Performance in Eumenorrheic Women: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sports Medicine. DOI-Link, PMID-Link

2. D'Souza AC, Wageh M, Williams JS, Colenso-Semple LM, McCarthy DG, McKay AKA, Elliott-Sale KJ, Burke LM, Parise G, MacDonald MJ, Tarnopolsky MA, Phillips SM (2023). Menstrual cycle hormones and oral contraceptives: a multimethod systems physiology-based review of their impact on key aspects of female physiology. Journal of Applied Physiology. DOI-Link, PMID-Link

3. Oxfeldt M, Frederiksen LK, Gunnarson T, Hansen M (2024). Influence of menstrual cycle phase and oral contraceptive phase on exercise performance in endurance-trained females. The Journal of Sports Medicine and Physical Fitness. DOI-Link, PMID-Link

4. Kubica C, Ketelhut S, Nigg CR (2024). Polarized running training adapted to versus contrary to the menstrual cycle phases has similar effects on endurance performance and cardiovascular parameters. European Journal of Applied Physiology. DOI-Link, PMID-Link

5. Giersch GEW, Morrissey MC, Katch RK, Colburn AT, Sims ST, Stachenfeld NS, Casa DJ (2020). Menstrual cycle and thermoregulation during exercise in the heat: A systematic review and meta-analysis. Journal of Science and Medicine in Sport. DOI-Link, PMID-Link

6. Romero-Parra N, Cupeiro R, Alfaro-Magallanes VM, Rael B, Rubio-Arias JÁ, Peinado AB, Benito PJ (2021). Exercise-Induced Muscle Damage During the Menstrual Cycle: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Strength and Conditioning Research. DOI-Link, PMID-Link

7. Blagrove RC, Bruinvels G, Pedlar CR (2020). Variations in strength-related measures during the menstrual cycle in eumenorrheic women: A systematic review and meta-analysis. Journal of Science and Medicine in Sport. DOI-Link, PMID-Link

8. Balachandar V, Marciniak JL, Wall O, Balachandar C (2017). Effects of the menstrual cycle on lower-limb biomechanics, neuromuscular control, and anterior cruciate ligament injury risk: a systematic review. Muscles, Ligaments and Tendons Journal. DOI-Link, PMID-Link

9. Dos'Santos T, Stebbings GK, Morse C, Shashidharan M, Daniels KAJ, Sanderson A (2023). Effects of the menstrual cycle phase on anterior cruciate ligament neuromuscular and biomechanical injury risk surrogates in eumenorrheic and naturally menstruating women: A systematic review. PLoS ONE. DOI-Link, PMID-Link

10. Barlow A, Blodgett JM, Williams S, Pedlar CR, Bruinvels G (2024). Injury Incidence, Severity, and Type Across the Menstrual Cycle in Female Footballers: A Prospective Three Season Cohort Study. Medicine & Science in Sports & Exercise. DOI-Link, PMID-Link

11. Parker EA, Duchman KR, Meyer AM, Wolf BR, Westermann RW (2024). Menstrual Cycle Hormone Relaxin and ACL Injuries in Female Athletes: A Systematic Review. The Iowa Orthopaedic Journal. PMID-Link

12. Elliott-Sale KJ, McNulty KL, Ansdell P, Goodall S, Hicks KM, Thomas K, Swinton PA, Dolan E (2020). The Effects of Oral Contraceptives on Exercise Performance in Women: A Systematic Review and Meta-analysis. Sports Medicine. DOI-Link, PMID-Link

13. Herzberg SD, Motu’apuaka ML, Lambert W, Fu R, Brady J, Guise JM (2017). The Effect of Menstrual Cycle and Contraceptives on ACL Injuries and Laxity: A Systematic Review and Meta-analysis. Orthopaedic Journal of Sports Medicine. DOI-Link, PMID-Link

14. Verhagen E, Ferrer E, Antero JDS, Bahtijarevic Z, Barlow A, Bolling C, Gabarro M, Harrison M, Jarrin P, Janse de Jonge X, Paternotte E, Tomás R, Jimenez C, Keay N, Lewin G, van den Steen E, Elliott-Sale K (2025). UEFA consensus statement on menstrual cycle tracking in women’s football. BMJ Open Sport & Exercise Medicine. DOI-Link, PMID-Link

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FAQs

Muss ich mein Training an meinen Zyklus anpassen?

Nein, nicht zwingend. Die bislang einzige kontrollierte Studie dazu (Kubica et al., 2024) fand keinen Leistungsvorteil durch zyklusangepasstes Training gegenüber klassischem Training. Sinnvoller ist, deinen Zyklus zu beobachten und punktuell zu reagieren, etwa bei Hitzetraining oder nach intensiven Einheiten, statt einem starren Phasenplan zu folgen.

Erhöht mein Zyklus mein Verletzungsrisiko?

Die Studienlage ist hier tatsächlich widersprüchlich, nicht nur unklar. Eine ältere Übersicht (Balachandar et al., 2017) findet erhöhtes ACL-Risiko in der präovulatorischen Phase, eine neuere, methodisch strengere Übersicht (Dos'Santos et al., 2023) kommt zu keinem eindeutigen Ergebnis. Ein UEFA-Konsens von 2025 bestätigt: Die Evidenz bleibt insgesamt inkonklusiv.

Beeinflusst die Pille meine Ausdauerleistung?

Kaum. Die größte vorliegende Meta-Analyse (Elliott-Sale et al., 2020, 42 Studien) findet höchstens einen trivialen Leistungsnachteil durch die Pille. Beim Verletzungsrisiko deutet die Evidenz sogar auf einen möglichen Schutzeffekt hin: bis zu 20 Prozent geringeres ACL-Risiko (Herzberg et al., 2017).

Warum spüre ich trotzdem starke Leistungsschwankungen über den Zyklus?

Das ist eine reale, ernstzunehmende Erfahrung, auch wenn die Meta-Analysen im Schnitt nur triviale Effekte finden. Beides schließt sich nicht aus: Gruppendaten aus Studien bilden Durchschnittswerte über viele Frauen ab, deine individuelle Reaktion kann davon abweichen. Zyklus-Tracking über mehrere Monate hilft dir, dein eigenes Muster zu erkennen, statt dich auf generische Aussagen zu verlassen.

Was bedeutet ein unregelmäßiger Zyklus für mein Training?

Ein unregelmäßiger oder ausbleibender Zyklus ist keine harmlose Nebenwirkung von viel Training, sondern potenziell ein frühes Warnzeichen für relativen Energiemangel im Sport. Er gehört sportmedizinisch abgeklärt, nicht einfach durchtrainiert. Mehr dazu im Artikel zu RED-S Syndrom im Ausdauersport.